Neuanfang | Wie ein Phönix aus der Asche

Marlies Splett

„Fast schwarze Häuserfassaden mit zum Teil verblaßten Aufschriften aus den 30er Jahren, hügelige Fußwege und verlassene Wohnungen mit schmutzigen Fensterscheiben erinnern an die alte Zeit. Kaputte Dächer und Abflußrinnen kündigen das ‚Sterben‘ der Bauten an. Viele Schaufensterscheiben sind leer und mit Staub bedeckt.“ (Hallesches Tagesblatt 18. Dezember 1990)

Marlies Splett (65 Jahre) wohnt seit 1984 in der Ludwig-Wucherer-Straße. Sie kennt das Straßenbild und Leben in der LuWu, wie im Halleschen Tageblatt beschrieben. Noch niemand hatte hier Heizungen installiert, alle fachten abends ihre Kohleöfen an. Wenn man durch die Straße lief, quollen aus allen Schornsteinen dicke Rauchschwaden. „Die Grundfarbe war grau“, beschreibt Splett die Situation. „Im Winter durch die Straße zu laufen, hätte man sich in jedem Fall immer ersparen wollen.“ Doch um zu arbeiten und zu leben, musste man unweigerlich vor die Tür. Besuch lockte man meist schnell in die eigene Wohnung. Denn einen besonders guten Eindruck hinterließ die LuWu nicht. „Eine Frage, die uns für immer im Ohr geblieben ist: Ist bei euch der Krieg eigentlich vorbei?“, erinnert sich Splett an Gäste aus Stuttgart. Die Ludwig-Wucherer-Straße zeigte die meisten Bauruinen in Halle. Eine Sanierung war dringend nötig.

Marlies Splett über eine Straße, die eine Veränderung verdient hat

Acht Monate Kraftaufwand

Anfang 2000 regte sich etwas. Aufgerissene Straßen, tosender Baustellenlärm und ausbleibende Wasser- und Stromversorgung beeinträchtigten die Anwohner über 32 Wochen. „In der Zeit kann man eigentlich nicht von Leben in der Straße sprechen.“ Straße, Fußwege und Gleisbett wurden grunderneuert. Die Versorgungsleitungen und Beleuchtung auf den neuesten Stand gebracht. Außerdem wurden 60 Bäume gepflanzt und die Straße in eine Allee umgestaltet. Die Sanierung kostete insgesamt rund 4,5 Millionen DM (umgerechnet etwa 2,25 Millionen Euro). Ein Riesenprojekt sowohl für die Stadt als auch für die Anwohner. „Wenn man zurückblickt, ist es ein kurzer Zeitraum. Mittendrin kommt es einem lang vor.“

Entscheidung für die Zukunft

Die Erneuerung tat der Straße gut. „Das Straßenbild war völlig verändert“, beschreibt Marlies Splett das Ergebnis. Ebener Asphalt und neu angelegte Grünflächen verbesserten den Eindruck immens. Parkbuchten wurden neu angelegt, wenn auch auf Kosten von über 100 Stellplätzen. Die Sanierung hatte ebenfalls Auswirkungen auf den Verkehrslärm. „Das Wichtigste ist eigentlich, dass es leiser geworden ist“, fasst die ehemals selbstständige Fernsehjournalistin zusammen. Die Atmosphäre in den Wohnungen wurde entspannter. Der Grundstein war gelegt, um noch mehr in die Ludwig-Wucherer-Straße zu investieren. In den Folgejahren sollten auch die Fassaden der Häuser grundlegend rekonstruiert werden. Für die Straße stellte die Sanierung damit einen Neuanfang dar.

15 Jahre später

Über ein Jahrzehnt nach der Sanierung sieht man der Straße die Zustände Anfang der 1990er Jahre nicht mehr an. Aufzeichnungen aus dem Jahr 1989 von Bodo Erdmann machen das Ausmaß der Veränderung deutlich. Veröffentlicht wurden diese Privataufnahmen von der Bürgerstiftung Halle. Im direkten Vergleich mit dem heutigen Bild ist die Straße kaum wiederzuerkennen.

(Mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung der Bürgerstiftung Halle)